Was blüht uns da noch?

Ein Gespräch über den Einfluss des Klimawandels auf die Pflanzenvielfalt

 

Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf die Pflanzenvielfalt? Ein Gespräch über die Gefährdung der Pflanzenwelt in Berlin mit Dr. Elke Zippel, wissenschaftliche Leiterin der Dahlemer Saatgutbank am Botanischen Garten Berlin, und Justus Meißner, Leiter der Koordinierungsstelle Florenschutz der Stiftung Naturschutz Berlin.

Justus Meißner und Dr. Elke Zippel untersuchen den Artenbestand einer Brache.
© Heiderose Häsler

 

Frau Zippel, Berlin gilt als die grünste Hauptstadt Europas. Haben wir nicht allen Grund, stolz darauf zu sein?

Elke Zippel: Natürlich können wir uns glücklich schätzen über unsere Wälder, Gewässer, Parks und Gärten in Berlin. Sie bieten Erholung und sorgen für eine bessere Luft, das ist die berühmte Berliner Luft. Die naturnahen Flächen sind Lebensraum für eine hohe Anzahl von Tier- und Pflanzenarten. Berlin ist auch eine der artenreichsten Regionen Mitteleuropas.

Es heißt immer, die Artenvielfalt ist durch den Klimawandel bedroht. Wie sieht das in Berlin aus?

Elke Zippel: In Berlin ist es wärmer als im Umland, das ist der typische Großstadteffekt. Dichte Bebauung und Bodenversiegelung in der Innenstadt wirken als Wärmespeicher. Deshalb finden sich hier vor allem wärmeliebende, trockenresistente Tier- und Pflanzenarten, die nicht die Bohne vom Klimawandel bedroht sind. Ganz im Gegenteil, sie profitieren von steigenden Durchschnittstemperaturen und breiten sich in die Außenbezirke aus. Arten, die es kühler und feuchter mögen, leben in den Wäldern und Feuchtgebieten der Stadt. Aber: Wir zerstören ihre Lebensräume. Unsere Wildpflanzen haben nicht mehr genug Platz. Das hat nichts mit dem Klimawandel, sondern mit der Flächennutzung und der Luftverschmutzung zu tun.

Justus Meißner: Besonders im Ostteil, aber auch im Westen Berlins wurden viele Baulücken geschlossen, die vorher ein Eldorado für die Flora waren. Der Druck auf naturnahe Wälder, Wiesen und Schutzgebiete hat durch die vielen Erholungssuchenden stark zugenommen. Hinzu kommt, dass unser Grundwasser erheblich abgesenkt wurde. Berlin kann sich so selbst mit Trinkwasser versorgen, aber unsere Moore und Feuchtwiesen trocknen aus.

Ein Problem, das es aber auch in ländlichen Gebieten gibt.

Justus Meißner: Ja, dort sind landwirtschaftliche Interessen ein Grund für Grundwasserabsenkung und Ableitung der Niederschläge, denn Wiesen und Äcker sollen nicht unter Wasser stehen. Inzwischen trägt der Klimawandel zusätzlich zur Austrocknung der Gewässer und der gesamten Landschaft bei, Einschränkungen bei der Trinkwasserversorgung sind absehbar. Deshalb beginnt hier gerade ein Umdenken. Um auf die Bedrohung der Pflanzenvielfalt zurückzukommen: Einer der Hauptgründe ist die flächendeckende Überdüngung unserer Landschaft, egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Massentierhaltung, großflächiger Einsatz von Mineraldüngern auf dem Land und massiver Verkehr in städtischen Ballungsräumen spielen dabei eine wesentliche Rolle. In der Folge werden Pflanzenarten, die auf magere Standorte angewiesen sind, von schnell wachsenden Arten überwuchert und sterben aus – das betrifft zahlreiche unserer bunten Wiesenblumen. 

Die Sandstrohblume (Helichrysum arenarium) ist eine trockenresistente Art der Berliner und Brandenburger Sandmagerrasen. Auch wenn die geschützte Art in unserer Region noch relativ häufig ist, sind viele ihrer Standorte durch Bebauung oder Düngung zerstört und sie wird zunehmend seltener. Deutschlandweit zählt sie bereits zu den gefährdeten Arten.
© Stiftung Naturschutz Berlin / Justus Meißner
Der Mittlere Sonnentau (Drosera intermedia), eine insektenfangende Pflanze, galt nach der Roten Liste von 2001 in Berlin als verschollen. Seit 2016 konnte sich die Art dank der Renaturierungsmaßnahmen in zwei Mooren wieder etablieren. Jahrzehntelang hatten ihre Samen in den Moorböden überlebt. Die Zukunft der geschützten Art hängt von der ausreichenden Wasserversorgung ihrer Moorstandorte ab.
© Stiftung Naturschutz Berlin / Sophie Bengelsdorf
Justus Meißner betrachtet einen renaturierten Moorarm der Krummen Laake in Köpenick.
© Stiftung Naturschutz Berlin / Sophie Bengelsdorf

 

Ein großer Teil der Berliner Pflanzen sind nichtheimische Arten. Manche von ihnen kommen gut mit Dürre und Hitze zurecht. Sollten wir diese neue Zusammensetzung von Flora und Fauna nicht fördern?

Elke Zippel: Das ist nicht einfach zu beantworten. Fakt ist, dass auch ohne Zutun des Menschen Flora und Fauna steten Veränderungen unterliegen. Fakt ist aber auch, dass unsere heimische Pflanzenwelt über zahlreiche trockenresistente Arten verfügt, die den derzeitigen Klimaveränderungen gewachsen sind. Vor 350 Jahren wuchsen am Alexanderplatz Steppengräser, die heute in der Region nur noch an den trockensten und wärmsten Orten wie an den Oderhängen vorkommen. Wir haben robuste Baumarten wie Eiche und Kiefer, die in unsere Ökosysteme gehören und zahlreichen heimischen Tieren Nahrung und Lebensraum bieten. Eichen können achthundert Jahre alt werden – was haben sie schon für Wetterkapriolen und Klimaveränderungen mitgemacht! Man denke an die mittelalterliche Warmzeit, in der bis in den hohen Norden Wein angebaut wurde, und die anschließende kleine Eiszeit. Wir müssen diese Baumarten fördern, statt voreilig einen Waldumbau mit fremden Baumarten zu planen, von denen wir nicht wissen, welche Auswirkungen sie auf unsere Ökosysteme haben. Damit die heimischen Arten im Klimawandel bestehen, braucht es große Bestände mit genetisch vielfältigen Individuen. Genetische Vielfalt ist die Voraussetzung dafür, dass Arten auf wechselnde Umweltbedingungen reagieren und sich anpassen können.

Herr Meißner, Sie kümmern sich in der Koordinierungsstelle Florenschutz um mehr als 250 bedrohte Pflanzenarten in der Stadt. Was können wir alle, die Politik und die Berliner*innen für die heimische Pflanzenwelt tun?

Justus Meißner: Ganz wichtig ist der Schutz der letzten naturnahen Gebiete Berlins. Wir führen zum Beispiel gezielte Pflegemaßnahmen in Berliner Mooren, in Dünengebieten oder in Wäldern durch. Auch wenn es eine schwierige Aufgabe ist, sollten der Grundwasserspiegel wieder angehoben und die Landschaftspflege an die Bedürfnisse der gefährdeten Arten angepasst werden. Auch einfache Maßnahmen erzielen wertvolle Effekte: blütenreiche Wiesen ziehen in kürzester Zeit Wildbienen und andere Insekten an. Allein wenn wir unsere Rasen seltener und abschnittsweise mähen, kommen überraschend viele Pflanzen zur Blüte. Artenarme Flächen können mit Regiosaatgut aufgewertet werden. Es wird von regionalen Pflanzen gewonnen und ist an die Umweltbedingungen in unserer Region angepasst. Anders als mit Blühwiesen-Mischungen aus dem Supermarkt können Sie damit nicht nur Ihren Rasen farbiger gestalten, sondern auch die biologische Vielfalt fördern.

 

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