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Das coolste Klassenzimmer ist draußen

Nemo-Pädagogin Giovanna Saccullo weiht Kinder ganzjährig in die Geheimnisse der Stadtnatur ein

Berliner Grundschulkinder haben es gut! Sie können das ganze Jahr über schwungvoll in die nahe Stadtnatur eintauchen – das Projekt Naturerleben mobil (Nemo) macht´s möglich. Geschulte Naturpädagog*innen haben bislang knapp 7.500 Schulklassen und Hortgruppen aus allen Bezirken in die Geheimnisse des wilden Berlins begleitet. Am Langen Tag der StadtNatur nehmen sie ausnahmsweise auch Eltern mit. Lassen sie sich als Familie verführen! Begeben sie sich auf Tour mit Nemo-Expertinnen wie Giovanna Saccullo, die bei Nemo mit Leidenschaft Kinder für die Natur begeistert.

 

Der grauverhangene Draußen-Vormittag läuft tierisch: „Ich bin ein Graureiher“, stelzt ein Mädchen über die Wiese. „Ich bin ein Fuchs“, schlängelt sich ein Junge leicht geduckt den Parkweg hinauf. „Ich kann springen wie ein Hase!“, freut sich später ein anderer Junge. Und grashüpferweit springt natürlich die ganze Klasse. Sportliche Tiere sind an diesem Frühlingsanfangstag das Thema von Giavanna Saccullo, mit dem sie eine 4. Klasse aus dem Bezirk Pankow im schulnahen Park gut in Bewegung bringt. Der Nemo-Unterricht irgendwo zwischen Sport und Sachunterricht – „und mit einer Prise Mathematik“, wie die Lehrerin anmerkt – kommt gut an. „Ich mag das Nemo Projekt! Es ist so schön zu erleben, wie die Kinder ihre Umgebung anders wahrnehmen und lieben lernen“, sagt die Naturpädagogin selbst. Seit drei Jahren ist sie in allen Bezirken unterwegs, um Grundschulkindern eine Brücke aus der Schulwelt in die Welt der Stadtnatur zu bauen. Die Kurse sind über ihre Nemo-Angebote im Umweltkalender zu buchen. 

Der Weg in den Park nebenan dauert nur fünf Minuten, doch für viele ist er ungewohnt und eher selten begangen. „Es ist jedes Mal ein bisschen aufregend, wie die Gruppe sein wird, wie interessiert die Kinder sind und ob sie sich auf mich und die Umgebung einlassen“, gesteht Giovanna Saccullo. Heute gelingt der Übertritt in die Naturwelt problemlos, die Kinder sind voll dabei. Niemand kann dem mitreißenden Charme und der Energie widerstehen, mit der Giovanna Saccullo zum Beispiel von bis zu 5 Meter weit springenden Eichhörnchen erzählt. Und natürlich gleich das Springen vormacht, klar.

Das Umweltbildungsprojekt Nemo gibt es seit 2019. Finanziert wird es von der Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, den Kontakt zwischen Grundschulkindern und Naturpädagog*innen vermittelt die Stiftung Naturschutz. Die Inhalte sind gut auf den Lehrplan und die Kompetenzentwicklung der 1.-6. Klasse abgestimmt. Derzeit bieten 35 Naturpädagoginnen Naturerlebnisse an, die Themenbereiche sind vielfältig: Lebensraum Baum, Jahreszeit erleben, Zusammenhänge Umwelt-Klima-Energie verstehen, Müll vermeiden, Pflanzen- und Tierwelt kennenlernen und mit Naturmaterialien kreativ werden. „Bei dem Kreativkurs höre ich am Anfang oft: ´Das ist langweilig´“, erzählt Giovanna Saccullo. Und dann kämen den Kindern doch die Ideen, sie freuten sich über ihre Kunstwerke und planten, am nächsten Tag neue zu machen. Es brauche einfach etwas Zeit, sich darauf einzulassen. „Kinder bringen so viel mit. Man muss sie nur etwas anleiten, damit nicht Blüten und Blumen ausgerupft werden“.

In die Natur gehen heißt für Giovanna Saccullo, durch Aufmerksamkeit die eigene Wahrnehmung und die Sinne zu schärfen. Und auch, mit den Energien der Natur in Verbindung zu treten. Das sei besonders in schwierigen oder unsicheren Lebensphasen eine gute Möglichkeit, Stärke zu finden. Und natürlich sehr gut geeignet zum Stressabbau für Jung und Alt. Für Giovanna Saccullo selbst kommt zum Naturerleben noch ein weiteres Element dazu: „Natur und Tanz – das ist meine Lebensfreude!“ Sie selbst hat vor Jahren Biodanza für sich entdeckt. Diese gemeinschaftliche tanztherapeutische Methode wurde von einem chilenischen Künstler und Psychologen entwickelt, um Menschen mehr Genuss und Freude erfahrbar zu machen. Giovanna Saccullo ist überzeugt, dass diese Form „das Leben zu tanzen“ eigene Energien weckt, die vielleicht ein bisschen verloren gegangen sind. Sie ist mittlerweile ausgebildete Biodanza-Lehrerin.

 

Doch noch einmal zurück: Woher stammt Giovanna Saccullos Liebe zur Natur? Die kommt klar aus der Kindheit! Die Italienerin ist am Fuß des aktiven Vulkans Ätna auf Sizilien geboren. „Ich war und bin fasziniert von der wilden, lebendigen Kraft dieser Natur: Das Feuer, das Meer, der wild strömende Fluss, der weite Sternenhimmel, die dunkle fruchtbare Erde. Ich habe es geliebt, barfuß durch das Tomatenbeet meiner Tante zu laufen“, erzählt sie. Angst vor Gefahr habe sie nie gehabt, obwohl alle Dörfer in der Umgebung des Ätna natürlich durch die Jahrhunderte immer mal wieder von Lavaströmen verschüttet wurden. Als Straßenkünstlerin hat sie sogar aktiv mit dem Feuer gespielt.

Wie kommt jemand nach Berlin, der die wilde Natur so liebt? Wim Wenders ist Schuld! „Sein poetischer Film ´Der Himmel über Berlin´ hat mich so fasziniert, dass ich diese Stadt unbedingt kennenlernen musste.“ Und sie ist immer noch da. Seit 17 Jahren lebt sie nun in Berlin, wenn auch unterbrochen von einem Aufenthalt in Brasilien während ihres Sprachenstudiums. „Auch um den tropischen Regenwald am Amazonas zu bereisen und zu erleben.“

Trotzdem vermisst Giovanna Saccullo die noch wildere Natur außerhalb einer Millionenstadt gerade nicht. Berlin sei so reich an Parks, das sei ein Luxus gegenüber anderen Großstädten. Sie mag den Grunewald mit dem nahen Wannsee und ist gern auf dem Tempelhofer Feld. „Der Lerchengesang, die Stimme des Windes überm Feld – das ist die Musik der Stadtnatur.“ Dort sei es möglich, selbst dann Natur sinnlich zu erleben, wenn viele andere Menschen dort auch diesen Freiraum genießen, sagt Giovanna Saccullo und erzählt von einem Erlebnis aus dem Sommer 2024: „Ich war mit einem Kurs zum Entspannen in der Natur auf dem Tempelhofer Feld, als das Fußballspiel Deutschland-Spanien lief. Ich war selbst erstaunt, wie es uns gelungen ist, die lauten Stimmen und Geräusche auszublenden und uns tatsächlich auf die Natur-Erfahrung zu konzentrieren.“ Sinnliche Naturerfahrung ist also auch mitten in der trubeligen Stadt möglich – es braucht vielleicht etwas Übung.

Allerdings ist sich Giovanna Saccullo bewusst, dass diese Naturerfahrung auch Luxus ist. Für viele Menschen sei das Alltagsleben sehr anstrengend und ein kleiner Spaziergang zeitlich nicht immer drin. Und der Umweltgerechtigkeitsatlas des Landes Berlin (von 2023/24) mache durch seine Kriterien wie Lärm- , Luft- und Hitzebelastung sowie Grünflächengröße deutlich, dass die Chancen auf einen schnellen erholsamen Spaziergang auch ungerecht verteilt seien. Deshalb engagiert sich die Naturpädagogin im Projekt „Stadtnatur für alle“, das gezielt Naturerlebnisse in den stark belasteten Kiezen der Stadt anbieten wird. Auch wenn die Ursachen nicht von heute auf morgen zu beseitigen sind, sei das ein guter Anfang, findet Giovanna Saccullo. „Mein Kiez ist jetzt in Neukölln. Ich freue mich schon sehr darauf, meine Nachbar*innen bald als Naturbegleiterin für die Schönheiten der Stadtnatur dort zu begeistern.“

Am Langen Tag der StadtNatur begeistern Akteur*innen die Besucher*innen, die sich dazu verführen lassen. Giovanna Saccullo rät aus eigener Erfahrung besonders zu den Veranstaltungen, bei denen Erwachsene und Kinder gemeinsam unterwegs sind: „Kinder haben einen natürlichen Blick auf die Welt. Es ist so schön, wenn sie den Blick öffnen, damit Erwachsene sich erinnern und sich selbst auch auf die Natur einlassen können. Eigentlich macht dann das Kind die Führung!“

Veranstaltung am Langen Tag der StadtNatur

Das von der Stiftung Naturschutz Berlin organisierte Naturfestival lockt mit über 500 Veranstaltungen in 28 Stunden jedes Jahr tausende Besucher*innen zu Berlins schönsten Naturschauplätzen an über 150 Orten.

WANN?

Der Lange Tag der StadtNatur 2026 beginnt am Samstag, den 30. Mai, um 13 Uhr und endet am Sonntag, den 31. Mai, um 17 Uhr.

Die Veranstaltungen werden ab 27. April 2026 online veröffentlicht.

Der Online-Ticketverkauf startet am Montag den 4. Mai 2025.

MEHR INFOS:
https://www.langertagderstadtnatur.de/

 

Interview: J. Schaaff