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Der Mann, der Bäume liest

Unterwegs mit Baumexperte Nicolas A. Klöhn

Wenn Nicolas A. Klöhn vor einem Baum steht, sieht er nicht einfach nur einen Baum. Er liest ihn. Wie andere Menschen ein Buch. Oder einen Tatortbericht. „Bäume haben eine biomechanische Autobiografie“, sagt er. „Die ist fälschungssicher.“ 

Das klingt erst einmal sehr technisch und gleichzeitig ein bisschen nach Poesie. Beides passt erstaunlich gut zu Klöhn. Er ist Baumsachverständiger und Pilzexperte mit einem Hang für die schönen Künste. Sein Beruf gleicht einer Mischung aus Detektivarbeit, Biomechanik, Naturphilosophie und gelegentlichem Gerichtsdrama. Denn Klöhn beschäftigt sich mit Lebewesen, die Geschichten erzählen.

 

Wir stehen in der Kleingartenanlage „Bahn-Landwirtschaft“, die sich zwischen Schienen und der Ringbahnbrücke in Charlottenburg entlangschlängelt. Alle paar Minuten rauscht eine Bahn vorbei, irgendwo quietscht ein Gartentor. Und mittendrin stehen sie: alte Schwarzpappeln, mit rissiger Rinde und mächtigen Wurzeln. Robinien, hoch und knorrig. Und eine schiefe Birke. Klöhn bleibt davor stehen: Am Stamm wächst ein gräulich weißer Pilz, hufeisenförmig, hart wie Holz. Er streicht kurz über die Oberfläche des Pilzes, fast wie zur Begrüßung. Für die meisten Spaziergänger: ein Pilz eben. Für Klöhn ein Stück Kulturgeschichte. „Das ist ein Zunderschwamm“, sagt er. Der Pilz Fomes fomentarius ist einer der ältesten Begleiter der Menschheit. Schon in der Steinzeit nutzte man ihn zum Feuermachen. Selbst der berühmte Mann aus dem Eis, Ötzi, trug Stücke davon bei sich.

Kindheit zwischen Wurzeln

Die Sache mit der Baumliebe begann früh. Nicht mit einem erhellenden Moment, sondern eher als langsam wachsende Begeisterung für die Natur. Als Kind streifte Nicolas A. Klöhn mit seiner Großmutter durch den Berliner Tiergarten. Keine botanischen Lektionen, kein Bestimmungsbuch. Einfach laufen, schauen, Eindrücke sammeln. „Mir sind irgendwann die Wurzelanläufe aufgefallen“, sagt er. „Und ich fand Bäume interessant, die nicht einfach nur gerade hoch wachsen wie ein Spargel, sondern irgendwie verwachsen sind.“ Solche Bäume haben Geschichte. Oder, wie Klöhn sagt: „Bestimmte alte Bäume sind komplette Laberknochen.“ Ein schöneres Kompliment kann man einem Baum kaum machen. 

Lesen, was der Wind geschrieben hat

Dabei hat jeder Baum sein ganz eigenes „Protokoll der Belastungsgeschichte“, wie Klöhn sagt. Die dicken Wurzeln zeigen zum Beispiel, aus welcher Richtung die stärksten Winde kommen. Der Boden verrät, wie der Baum Kräfte verteilt. Und die Krone erzählt von vergangenen Katastrophen wie Blitzeinschläge. Manchmal sogar von Krieg. „Bei manchen Bäumen wurde im Krieg die ganze Krone wegrasiert“, erzählt Klöhn. „Und heute stehen sie wieder als große Bäume da. Die meisten Leute sehen das gar nicht mehr.“ 

Für ihn ist das keine romantische Naturbeobachtung. Es ist Mechanik. Windkräfte, Hebelwirkungen, Zugwurzeln. Bäume sind für ihn biomechanische Meisterwerke. Ingenieure der Evolution.

Von wegen Freunde!

Wer jetzt erwartet, Klöhn würde in die populäre Baumromantik à la Peter Wohlleben einstimmen, wird enttäuscht. Er gehört zu den Menschen, die bei Naturmythen schnell allergisch reagieren. 

Wenn jemand von „Baumfreunden“ spricht – zwei Stämme verschiedener Baumarten, die eng nebeneinander wachsen – verdreht er die Augen. „Da steht eine Kiefer und direkt daneben mit Stammberührung eine Eiche. „Entschuldigung, Freundschaft? Pustekuchen!“, sagt er trocken. „Die bedrängen sich mechanisch und konkurrieren um Licht und Wasser.“

Auch die Vorstellung, Bäume würden miteinander kommunizieren wie kleine Waldbewohner in einer Öko-Fabel, hält er für stark übertrieben. „Wenn ein gestresster Baum Phytohormone und andere Stoffe ausschüttet, ist das maximal eine Reaktion, aber keine aktive Kommunikation.“

Selbst das berühmte Pilz-Baum-Netzwerk, die Mykorrhiza, ist für ihn keine harmonische WG. „Man könnte es besser sagen: eine Art kontrollierter Parasitismus.“ Pilze liefern für den Baum Wasser und Nährstoffe, entziehen ihm aber auch Energie. Bis zu 30 Prozent der Assimilate eines Baumes können in dieses unterirdische Netzwerk fließen. 

„Außerdem ist die Wirklichkeit doch viel interessanter als solche romantisierenden Vereinfachungen", fasst Klöhn zusammen. Und diese lasse sich auch gut vermitteln, wenn man einen Baum genau betrachtet.

Natur ist für Klöhn kein Märchenwald. Sie ist ein System aus Kräften, Kompromissen, Konkurrenz, Werden und Vergehen. Und genau das macht sie für ihn so faszinierend.

 

Der Baumdetektiv

Als Baumsachverständiger hat Klöhn einen Job, der überraschend oft vor Gericht endet. Er schreibt Gutachten. Über Baumumstürze, über Astabbrüche, manchmal leider mit tödlichen Unfällen. Dann spielen Fragen eine Rolle wie: War der Baum krank? Wurde er falsch kontrolliert? Hat jemand eine Pflicht verletzt? Manchmal gleicht das einer kriminalistischen Rekonstruktion. In einem Fall waren Anwälte überzeugt, bestimmte Dinge ließen sich nicht mehr nachweisen. Klöhn hatte längst Proben genommen und analysiert. „Die haben die Rechnung ohne den beckmesserischen Gutachter gemacht“, sagt er und grinst.

Dass Klöhn sich sowohl mit Bäumen als auch mit Pilzen beschäftigt, ist kein Zufall. Viele Baumprobleme beginnen nämlich im Verborgenen. Holzzersetzende Pilze fressen sich durch Stämme. Wenn man die Arten kennt, kann man vorhersagen, was passiert. „Du bist in der Prognose deutlich besser, wenn du weißt, was die Pilze jeweils verursachen.“ 

 

Die unterschätzten alten Riesen

Wenn Klöhn über Stadtbäume spricht, wird er plötzlich politisch. Viele Debatten über neue Pflanzungen wie zuletzt im vom AGH Berlin verabschiedeten BäumePlus-Gesetz hält er für zu simpel. „Man muss Bäume schon so pflanzen, dass sie die Chance haben, sich vernünftig zu entwickeln. Und dann eine Zahl vorzugeben, ist da schon mal per se falsch.“ Wirklich wichtig seien außerdem die alten. „Das sind die großen CO₂-Speicher, nicht die kleinen Bäume, die man gerade pflanzt.“ 

Und die sterben oft aus banalen Gründen. Zum Beispiel durch Streusalz. Natriumchlorid schädigt nicht nur direkt die Wurzeln. Es spült auch wichtige Nährstoffe wie Magnesium und Kalium aus dem Boden. Das Ergebnis sieht man manchmal erst Monate später: verbrannte Blattränder, schwächelnde Kronen, schleichender Tod. Das sind vermeidbare Fehler, mahnt Klöhn.

 

Der lange Blick

Seine liebsten Projekte haben deshalb mit Zukunft zu tun. Zum Beispiel ein Schutzgebiet bei Berlin, in dem der seltene Heldbockkäfer lebt. Klöhn entwickelt dort Konzepte, damit genügend alte Bäume stehen bleiben, über Jahrzehnte. „Es geht darum, dass der Lebensraum möglichst lange interessant bleibt“, sagt er. Das ist der große Unterschied zwischen kurzfristigem Naturschutz und echter ökologischer Planung. Der eine denkt in Legislaturperioden. Der andere in Baumgenerationen.

Und noch ein Käfer zaubert Klöhn ein breites Grinsen ins Gesicht. Seine Lieblingsanekdote spielt im Schlosspark Charlottenburg. Bei einer Führung entdeckt ein Besucher zufällig einen großen, dunkel schimmernden Käfer auf einer Platane. Klöhn erkennt sofort den Sensationsfund und ruft seinem befreundeten Käferexperten zu: „Georg, schnell! Ein Eremit! Lebend!“ Es folgt ein Salto der Freude des besagten Käferexperten, dann ein Jubelschrei als das Käfer-Männchen auch noch weißen Kot absetzt. Georg Möller erklärt der irritierten Menschentraube: „Daran sieht man, dass der Eremit (Osmoderma eremita) sich das erste Mal nach seiner Metamorphose erleichtert hat. Sprich, der Käfer muss in diesem Baum leben, weil er vorher noch nicht geflogen ist.“ Für Klöhn wieder ein Beweis dafür, wie wichtig alte Bäume sind.

 

Wenn Bäume zu Musik werden

Nicolas A. Klöhn interessiert sich nicht nur für das, was Bäume biologisch tun. Ihn fasziniert auch, wie Menschen Bäume über Jahrhunderte wahrgenommen, gestaltet, verehrt oder besungen haben. Das zeigt sich besonders bei einem Baum, der ihm immer wieder begegnet: der Platane (und ja, sie ist sein heimlicher Lieblingsbaum. Aber der Duft der Robinie ist auch betörend, aber als invasiver Neophyt… schwierige Kiste). Über die Platane hat Klöhn sogar selbst geschrieben. In seinem Artikel für das Naturmagazin Berlin-Brandenburg verfolgt er ihre Spur von der Antike bis in die Gegenwart: Schon griechische und römische Autoren wie Homer und Ovid beschrieben Platanen als besonders schöne Bäume. Laut Herodot soll der persische König Xerxes eine Platane so sehr bewundert haben, dass er sie mit Gold schmücken ließ und einen Soldaten zu ihrem Schutz abstellte. Diese Geschichte wanderte später sogar in die Musikgeschichte. Aus ihr entstand die berühmte Arie „Ombra mai fu“ aus der Oper Serse von Georg Friedrich Händel – eine der bekanntesten Liebeserklärungen an einen Baum überhaupt. 

Für Klöhn zeigt das, dass Bäume immer auch Teil menschlicher Kultur waren. „Unser Schönheitsideal für Bäume orientiert sich stark am englischen Landschaftsgarten“, erklärt er. Doch in vielen historischen (zumeist barocken) Anlagen wurden Bäume bewusst geschnitten und geformt, um bestimmte Proportionen oder Perspektiven zu schaffen. 

Dieser Blick auf gestaltete Natur spielt auch in Klöhns eigenen Führungen eine Rolle. Bei einem Langen Tag der StadtNatur führte er durch den Park des Jagdschlosses Glienicke. Unter den großen Platanen gab es nicht nur Erläuterungen zu alten Bäumen, sondern auch die Arie „Ombra mai fu“ begleitet von zwei Gamben. Für Klöhn passt das zusammen. Bäume sind nicht nur biologische Organismen oder CO₂-Speicher. Sie sind auch Teil einer gestalteten Landschaft – einer Kulturgeschichte, die sich zwischen Parkarchitektur, Literatur und Musik abspielt. Oder, um es in seiner Sprache zu sagen: Auch darin stecken viele verschiedene Biografien.

 

 

Buchtipp

Wer einen einfachen Einstieg in die „Sprache der Bäume“ sucht, dem empfiehlt Klöhn ein ungewöhnliches Buch von Claus Mattheck (großer Lehrmeister und lieber Freund von Klöhn): „Stupsi erklärt den Baum – Ein Igel lehrt die Körpersprache der Bäume“ (ISBN 978-3-923704-72-9). Darin erläutert ein Igel namens Stupsi die grundlegenden Gesetze der Bäume in einer bewusst einfachen Sprache. Die Inhalte basieren auf jahrelanger Forschung am Forschungszentrum Karlsruhe (heute KIT), bei der modernste Mess- und Computertechniken eingesetzt wurden. 

Veranstaltungen am Langen Tag der StadtNatur

Nicolas A. Klöhn ist mit beim diesjährigen Langen Tag der StadtNatur dabei. 

  • Baumführung im Späth-Arboretum, am Samstag, 30.05.26, 14:00 - 15:30 Uhr
  • Kultur und Natur auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee
    Führung zur Kulturgeschichte und Naturentwicklung, am Sonntag, 31.05.26, 14:00 - 17:00 Uhr
  • Die Pilzkundliche Arbeitsgemeinschaft Berlin-Brandenburg e. V.  veranstaltet zusammen mit dem Späth-Aboretum und der Späth'schen Baumschule eine Pilzausstellung und eine Reihe weiterer Führungen.

Das von der Stiftung Naturschutz Berlin organisierte Naturfestival lockt mit über 500 Veranstaltungen in 28 Stunden jedes Jahr tausende Besucher*innen zu Berlins schönsten Naturschauplätzen an über 150 Orten.

WANN?
Der Lange Tag der StadtNatur 2026 beginnt am Samstag, den 30. Mai, um 13 Uhr und endet am Sonntag, den 31. Mai, um 17 Uhr.

Die Veranstaltungen werden ab 27. April 2026 online veröffentlicht.

Der Online-Ticketverkauf startet am Montag den 4. Mai 2025.

MEHR INFOS:
https://www.langertagderstadtnatur.de/

 

Zur Person

Nicolas A. Klöhn ist Baumsachverständiger und Pilzexperte in Berlin. Er ist von der Industrie- und Handelskammer Berlin öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Bruchverhalten, Verkehrssicherheit und Vitalität von Bäumen sowie für holzzersetzende Pilze. Mit seinem Büro für Baumdiagnostik berät er Kommunen, Institutionen und Privatpersonen und vermittelt sein Wissen über Bäume und ihre „Körpersprache“ auch in Vorträgen, Seminaren und Führungen. Infos unter: https://www.baumdiagnostik.de/

Autorin: S. Bengelsdorf