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Berliner Zeitreise. Von Mammuts und Toteisseen

Wie kommt der Findling in den Wald? Warum ist der Berliner Boden skandinavisch? Und wie bestimmen Eisklumpen der Vergangenheit noch heute unsere Landschaft? Wir fragen Beate Witzel. Sie ist Biologin mit dem Schwerpunkt Stadtökologie und leitet die Geologische Sammlung des Stadtmuseums Berlin. Sie lädt ein zu einer Tour in die von der letzten Eiszeit stark geprägte Landschaft.

Der Stein in Beate Witzels Hand ist gelblich-grau, übersät mit langen, braunen Streifen und etwa so groß wie ein Pflasterstein. Was er erzählt, ist eine Geschichte, die älter, fantastischer und wahrer ist als jedes Märchen: Er zeigt die frühesten Spuren von Fossilien, die man in Deutschland finden kann. „Am Wurmröhrensandstein erkennt man Wohnröhren von Organismen, die vor über 500 Millionen Jahren gelebt haben“, erläutert Witzel. Die Streifen sind Überbleibsel der Behausungen, die Würmer aus verklebten Sandkörnchen gebaut haben.

Geschichtenerzähler wie diesen Stein findet man an unzähligen Stellen in Berlin. Vielerorts lassen sich hier eiszeitliche Strukturen entdecken. „Die Geologie unserer Hauptstadt ist zu 100 Prozent durch die Eiszeit bestimmt“, sagt Beate Witzel. „Wir leben in vielerlei Hinsicht in einer jungen, hippen Stadt – in einer Landschaft, die erst 18.000 Jahre alt ist.“

Ihren Blick auf eiszeitliche Besonderheiten teilt Beate Witzel gerne. „Ich will den Leuten die Augen dafür öffnen“, betont sie. „Wenn man seine Wahrnehmung umstellt und den Blick erweitert, kann man Berlin ganz anders betrachten.“ Wo heute Hochhäuser stehen und Parks angelegt sind, erstreckte sich einst die Taiga, lebten Wollhaarmammut, Rentier und Moschusochse, bildete der Kreuzberg die Uferkante eines Urstromtals, durch das unendliche Wassermassen flossen. Wir radeln heute eiszeitlich bedingte Erhebungen wie den Prenzlauer Berg auf und ab, spazieren zur Erholung durch den sandigen Grunewald und haben uns wahrscheinlich noch nie gefragt, warum die Steine in der Erde abgerundet sind. Sollten wir aber! Denn: Alle Strukturen der Berge, Flüsse, Seen und Naturschutzgebiete Berlins verdanken wir der letzten Eiszeit.

Bevor die heutige Berliner Landschaft entstand, wälzten riesige Gletscher aus dem Norden Unmengen Gesteinsmaterial mit sich über das Land. Jeder Felsen wurde abgeschliffen, in den Gesteinsbrei gerührt und dieser über alles hinweg verteilt. Das Eis zerstörte alte Strukturen und machte buchstäblich alles platt. „Tabula rasa“, sagt Beate Witzel. Am Ende blieb ein ganz neues Gelände, auf dem kein Stein mehr auf dem anderen lag.

„Der Boden, auf dem wir heute stehen, ist Boden mit Migrationshintergrund“, führt Beate Witzel aus. Seine Zusammensetzung ist voller Material aus dem Ostseegrund, Schweden, Finnland, Norwegen, Dänemark und Norddeutschland. Von dort brachten die Gletscher Sand, Kies, Ton, Kalk, Lehm und Steine, aus denen sich ein Mischboden bildete. „Wie er sich heute an verschiedenen Stellen zusammensetzt, ist stark von der Menge des Schmelzwassers abhängig“, sagt Witzel. Fließendes Wasser riss kleine Partikel mit, größere blieben liegen. Wo weniger Wasser floss, ist der Boden heute tonig und lehmig. Dort fühlt sich die Buche sehr wohl. Der Grunewald hingegen ist eine richtige Sandwüste, hier wusch das Schmelzwasser alles aus. „Die Buche mag sandigen Boden nicht, deshalb wachsen dort eher Birken, Eichen und Kiefern“, erklärt Beate Witzel, die oft im Grunewald unterwegs ist. 

Der Boden spielte auch eine Rolle bei der Gewässer- und Landschaftsbildung. An Orten, an denen ein schmelzender Gletscher „kalbte“, wo also riesige Kanten und Eisblöcke von ihm abbrachen und sich in den Boden arbeiteten, entstanden über hunderte von Jahren Toteislöcher. In Lehmböden entwickelten sich daraus Toteisseen, wenn das Schmelzwasser nicht aus ihnen abfließen konnte. „Der Weiße See und der Schäfersee sind solche Toteisseen“, weiß Witzel. Konnte das Schmelzwasser jedoch in die Tiefe abfließen, entstand ein Hohlraum in der Erde, aus dem sich Kesselmoore entwickelten. Solche Moore sind heute am Teufelssee, am Barssee und Pechsee zu finden.

Am Langen Tag der StadtNatur durchwandert Beate Witzel mit ihren Gästen die frühere Taiga Berlins. Die Tour bietet einen einzigartigen Erlebnisweg zwischen Toteislöchern, Pflanzen und allerlei Getier. „Natürlich finden wir keinen Mammutzahn“, sagt Beate Witzel. Mit etwas Glück entdecke man vielleicht ein Fossil und kann den Schwarzspecht hämmern hören. „Man soll sich überraschen lassen und den Impuls mitnehmen, anders sehen zu lernen.“ Und zu hören, was die Steine zu erzählen haben.

Autorin: Christina Koormann